Planungstreffen zum internationalen Schüleraustausch
Fachkräfte-Austausch in Wien für Partnerschaften an Förderschulen
Reisebericht – Wien, 10. November 2025
Im Rahmen einer beruflichen Reise nach Wien besuche ich gemeinsam mit drei Kolleginnen verschiedene Schulen mit sonderpädagogischem Schwerpunkt. Ziel unserer Reise ist die Initiierung eines Schüleraustauschs zwischen Schulen in Wien und Bayern – unterstützt durch den Bayerischen Jugendring und Erasmus Plus.
Heute führte uns unser Weg in das Schulzentrum „Paulusgasse“, eine Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Bereits beim Betreten der Schule war spürbar, mit wie viel Engagement und Flexibilität hier gearbeitet wird. Wir wurden herzlich empfangen und durften am Vormittag mehrere Klassen, unter anderem basale Förderklassen, besuchen sowie mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen.
Besonders beeindruckt hat uns der Personalschlüssel, der eine intensive Betreuung der Schülerinnen und Schüler ermöglicht. In den Klassen werden maximal sechs bis acht Kinder unterrichtet – ein Rahmen, der individuelle Förderung wirklich zulässt.
Auch die technische und räumliche Ausstattung der Schule ist bemerkenswert und unterstützt die pädagogische Arbeit auf vielfältige Weise, so z.B. ein aktiver und passiver Snoezelen Raum. In diesen Räumen schaffen gezielt eingesetzte, primäre Sinnesreize eine angenehme Atmosphäre, Wohlbefinden und Entspannung, aber auch Anregung.
Typischerweise ist der Snoezelenraum ein reizarmer „weißen Raum“, in dem visuelle (Lichteffekte), auditive (Musik, Klänge), olfaktorische (Düfte) und taktile Reize (verschiedene Materialien, Wasserbetten) bewusst und isoliert angeboten werden.
Deckenlifter gehören zum Inventar jeder Klasse und erleichtern Ortwechsel mit Schülern*innen, die in ihrer Mobilität stark beeinträchtigt sind, erheblich.Tragende Säulen sind darüber hinaus die Metacom-Symbole, die den Schulalltag begleiten und fest in die Kommunikation eingebettet sind.
Im kollegialen Austausch wurde deutlich, wie unterschiedlich die Systeme in Deutschland und Österreich funktionieren – und wie wichtig es ist, über den Tellerrand zu blicken.
Im Anschluss besuchten wir eine weitere Schule innerhalb des Schulzentrums Leopoldsgasse, die ein ganz anderes, aber ebenso beeindruckendes Konzept verfolgt. Diese Schule arbeitet in der Primarstufe mit Integrationsklassen, in denen jeweils vier Kinder mit erhöhtem sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam mit Regelschulkindern unterrichtet werden, ähnlich der Kooperationsklasse, allerdings mit besserem Personalschlüssel. In den Integrationsklassen wird ausschließlich im Tandem unterrichtet, das heißt, zwei pädagogische Fachkräfte gestalten gemeinsam den Unterricht. Diese Form der Zusammenarbeit ermöglicht eine differenzierte Förderung und schafft Raum für individuelle Lernprozesse.
In der Sekundarstufe hingegen gibt es ausschließlich sogenannte SeF-Klassen – Klassen für Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Förderbedarf.
Besonders bemerkenswert ist an dieser Schulorganisation, dass hier RegelschülerInnen in das Förderschulsystem integriert werden. Dieser inklusive Ansatz wird im Wiener Bezirk sehr positiv aufgenommen, und die Schule ist entsprechend stark nachgefragt.
Die Ausstattung der Schule ist hochwertig und unterstützt die inklusive Arbeit auf hohem Niveau.
Kritisch zu sehen ist die Gestaltung des Übergangs Schule und Beruf im Bereich der Schüler*Innen mit erhöhtem sonderpädagogischen Förderbedarf. Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigung sind rar gesät und nur „ausgewählt“ verfügbar. Hier liegt es vor allem an der Initiative der Eltern, wie der Weg ihrer Kinder weitergeht.
Dienstag, 11. November 2025
Am heutigen Tag besuchten wir das Schulzentrum Quellenstraße in Wien, eine Allgemeine Sonderschule (ASo) mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Je nach individueller Lernausgangslage der SchülerInnen wird sowohl nach dem Lehrplan für den Förderschwerpunkt Lernen als auch nach den Lehrplänen der Regelschulen unterrichtet.
Der Unterricht findet mindestens im Tandem statt, was bedeutet, dass zwei pädagogische Fachkräfte gemeinsam in der Klasse arbeiten. Diese Struktur – kombiniert mit kleineren Lerngruppen – schafft ein lernförderliches Umfeld, in dem individuelle Potenziale gezielt gestärkt werden können.
Wir durften in drei verschiedenen Klassenstufen hospitieren, unter anderem auch in unserer zukünftigen Partnerklasse, und bekamen so einen lebendigen Einblick in die Unterrichtspraxis. Besonders bereichernd war der anschließende kollegiale Austausch mit den Lehrkräften, bei dem wir viele Fragen stellen und auch eigene Erfahrungen teilen konnten.
Mit dem Schulzentrum Quellenstraße gab es in puncto Arbeitsweise und Struktur die meisten Überschneidungen mit unserer Altmühlfrankenschule.
Mein Fazit:
Internationale Kooperation inspiriert, verbindet und eröffnet neue Wege für eine inklusive Bildungspraxis.
Gerade dieser Perspektivwechsel zeigt, wie wertvoll ein Schüleraustausch zwischen Wien und Bayern sein kann – insbesondere für unsere Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im Bereich Lernen, die häufig aus sozial benachteiligten Familien stammen. Für sie kann ein solcher Austausch ein echtes Fenster zur Welt sein. Die Erfahrung, Teil eines internationalen Projekts zu sein, stärkt das Selbstbewusstsein und vermittelt das Gefühl, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Der Kontakt mit Gleichaltrigen aus einem anderen Land fördert Offenheit, Toleranz und Kommunikationsfähigkeit. Neue Lernumgebungen setzen Impulse und können die Motivation steigern – gerade bei Schülern, die im Alltag oft mit schulischen Herausforderungen kämpfen. Ein Austauschprojekt zeigt, dass Bildung nicht an Grenzen haltmacht und dass auch Schüler mit Förderbedarf Teil eines größeren Ganzen sind.
Die Begegnung mit den Wiener Schulen hat deutlich gemacht, wie unterschiedlich Bildungssysteme sein können – und wie viel wir voneinander lernen können. Ein Austauschprojekt wäre nicht nur ein pädagogischer Gewinn, sondern auch ein starkes Zeichen für Inklusion, Wertschätzung und europäische Zusammenarbeit.